30 – 1202 : oder: Naher Osten Teil 01

2008:07:08 um 17:53:32 | Veröffentlicht in Erlebtes, Galabau | Hinterlasse einen Kommentar
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„Nur die Harten komm‘ inn‘ Garten“ RSS
BAB 4: Herleshausen – Eisenach – Gotha – Wandersleben – Erfurt – Nohra – Weimar – Apolda – Magdala – Schorba – Jena – Stadtroda – Hermsdorfer Kreuz – Rüdersdorf – Gera – Ronneburg – Schmölln

Frühjahr 1993. Meine erste Fahrt in den Nahen Osten, zumindest um dort zu arbeiten, in „Berlin – Hauptstadt der DDR“ bin ich schon mehrmals gewesen. Wir fahren zu dritt mit dem MB 407 Kastenwagen, was sehr bequem ist, da trotz etlichem an Gepäck und Werkzeug noch ausreichend Platz vorhanden ist um sich auszustrecken.
G.D., mein Schieber, ist 14 Tage vorher schon auf der Baustelle gewesen, T.R. war zwar noch nicht auf der Baustelle aber schon öfters drüben, bloß für mich ist alles neu. Um 05:00 hat G.D. mich abgeholt, wenigstens kann ich im Auto noch ein wenig pennen. Viel zu sehen oder erzählen gibt’s eh nicht. Irgendwann nach dem Frühstück passieren wir Herleshausen, es stehen noch jede Menge Wachtürme, Lichtmasten, Betonhindernisse und anderer Krempel rum, aber wir sind im Nullkommanix dran vorbei, früher ging da unter einer halben Stunde gar nix. Ich schau abwechselnd auf die Schilder und die LKWs, die sich einer an den anderen reihen, die wir überholen, den Aufschriften nach zu urteilen wird die gesamte Produktion des Ruhrgebietes in den Osten gekarrt. Es wird wieder hügelig und unsere Karre, die geradeaus ca 130 läuft, schafft bergauf teilweise nur knappe 80. Das führt dazu, dass wir öfters einem blaßgrünen Trabbi begegnen der bergauf hinter den LKWs verhungert und den wir öfters ohne böse Absicht ausbremsen. Beim dritten mal als er uns wieder einmal, hinter einem LKW auflaufend, kommen sieht, schaltet er die Warnblinkanlage ein. T.R. und ich winken freundlich beim Überholen, G.D. ist die Sache peinlich und er schaut verschämt stur geradeaus. Irgend wann schaut G.D. auf die Tankanzeige und flucht: „Mist ich hab’ die Kanister vergessen.” Ich frage von hinten „Welche Kanister?“ und er antwortet: „Der Tank reicht nicht ganz bis zur Baustelle deshalb wollte ich extra noch einen Kanister Diesel mitnehmen, weil wir keine Tankkarte dabei haben.“ Toll, auf der Baustelle steht ein 1.000 Liter Fass und wir laufen kurz vorm Ziel trocken. „Dann müssen wir halt kurz abfahren und tanken.“ mein ich, „Ist doch kein Problem, Quittung geben lassen und uns die Kohle später im Büro wiederholen.“ „Doch ein Problem.“ meint G.D. „Hier gibt’s nicht an jeder Ecke einen Tanke so wie bei uns, manchmal ist die nächste 20km weit entfernt und wir sind eh schon spät dran.“ „Ja kommen wir nun mit der Füllung bis zur Baustelle oder nicht?“ „Sieht jedenfalls eng aus.“ „Ist das hier eigentlich ne Maschine mit Selbstentlüftung?“ frag ich. „Scheiße, keine Ahnung das wär’s auch noch, wenn wir das Ding hier mitten auf der Bahn entlüften müssten.“ „Was ist denn, wenn wir hier irgendeinen Bauern oder LPG fragen, die werden uns doch wohl etwas Diesel geben?“ „Guter Vorschlag, bleibt uns ja auch nicht viel übrig, ich fahr die nächste Abfahrt raus.“ Gesagt getan, wir halten Ausschau nach irgendwas das nach Landwirtschaft aussieht, und finden nach 5 Minuten auch was, nach der Zufahrt über Panzerplatten kommen wir durch ein großes Tor und stehen auch praktischerweis direkt an einem Tankplatz. Bloß ist niemand zu sehen und es sieht alles ziemlich verlassen aus. G.D. hupt kurz aber es tut sich nix. Gerade als T.R. austeigen und suchen gehen will, kommt ein Typ Ende 40 mit strähnigen Haaren im Blaumann und Gummistiefeln um die Ecke. Wir steigen aus und er nuschelt irgendwas undeutliches. G.D. sagt: „Guten Tag wir wollen nach Gera aber unser Tank ist fast leer und jetzt wollten wir fragen ob wir etwas Diesel haben könnten?“ Der Typ mit der Wolldecke im Mund quasselt ein paar Sätze die ich beim besten Willen nicht verstehe und fragt dann „Wieviel?“ G.D. meint 10 Liter würden reichen wir sind ja fast da, da meint der Typ das wir das aber bezahlen müssten. Ach? Diesel gibt’s nicht umsonst? Sowas Aber auch. Natürlich würden wir bezahlen, wo steht denn der Kurs? Der Typ brabbelt wieder etwas und meint dann plötzlich 1,10 der Liter. „Alles klar,“ sagt G.D. „dann nehmen wir 10 Liter.“ Der Typ greift sich in die Brusttasche seines Blaumannes und ich denk’ darin hat er den Schlüssel für die Zapfanlage, aber zum Vorschein holt er einen Taschenrechner. Ich weiß bis heute nicht wozu ein LPG Angestellter draußen einen Taschenrechner mit sich rumschleppt, aber es kommt noch besser. T.R. und ich sehen uns vielsagend an, als der Typ irgendwas eintippt und dann meint „10 Liter das macht dann 11,11 DM.“ T.R. und ich steigen schnell ein weil wir unser Lachen kaum verbergen können.

Das war also das Ereignis, welches ich mein zukünftiges Leben lang, im
Zusammenhang mit meinen ersten Nahosterfahrungen im Gedächtnis behalten werde, und es werden noch einige folgen.

G.D. bleibt etgegen meinen Erwartungen völlig ruhig, ich glaube er hat gar nicht richtig zugehört. Der Typ schmeißt die Zapfanlage an und macht uns ziemlich genau 10 Liter rein, G.D. bezahlt und wir bekommen sogar eine Quittung geschrieben, muss ja alles seine sozialistische Ordnung haben. Dann fahren wir los, zurück auf die Bahn, irgendwann seh’ ich ein Schild Gera und ein paar Häuser unten in einem Tal, aus dem drei_riesige_Schornsteine nach oben ragten, und kurz darauf wieder Wald und dann zwei_riesige_Titten die einfach so in der Gegend rumliegen. Kurz dahinter fahren wir an einer Behelfsausfahrt ab, an der ich Schmölln und Ronneburg lese. „Was ist denn mit Gera?“ frage ich „Ich dachte da müssen wir hin?“ „Nee nach Ronneburg müssen wir, das ist gleich nebenan.“ „Und war das gerade ganz Gera, wo ist denn der Rest?“ „Das war alles, es gibt keinen Rest.“ „Na toll,“ denk ich, „das gibt bestimmt ein tolles Wochenende, mit tierisch viel Nachtleben.“

Glück auf!

PS: Die 3_Essen wie die Schornsteine genannt wurden, waren übrigens das Wahrzeichen und höchste Bauwerk Geras, und typisch Sozialismus, ging nur eine davon überhaupt in Betrieb.

Fortsetung Teil 02
Fortsetzung Teil 03

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