Fluchten zum Fluchen und Flüchten

2008:07:08 um 17:39:08 | Veröffentlicht in Erlebtes, Galabau | 2 Kommentare
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Prolog

Herbst 1993

Es ist „Schietwetter“ und der Fischverkäufer und ich können nicht auf unserer Baustelle arbeiten weil da alles abgesoffen ist. Statt nach Hause in’s warme Bettchen sollen wir aber noch „mal eben™ “ eine RWE-Station fertigmachen.

Irgendwo an der Grenze Essen/Velbert oben auf dem Berg. Die Palette mit den Zaunfeldern, eine Schubkarre Sand und ein paar Platten sollen wir aufladen und mitnehmen. Wir sind begeistert.

Eine RWE-Station (keine Ahnung wie die Dinger offiziell heißen) ist so ein dezentgrüner Metallkasten von ca 2,00 x 4,00 m die überall bevorzugt an den Ecken von Häuserblocks rumstehen oder in der Nähe von öffentlichen Plätzen. Dort kommen dann unterirdisch die Stromleitungen von mehreren KV an und werden dann auf die umstehenden Häuser verteilt. Innendrin sind dann lauter Sicherungen, Automaten, Relais, Schalter und ähnlicher Krempel. Auf den Stirnseiten sind die Zugangstüren dazu und damit die Herren Elektriker sich nicht die Haxen brechen oder sich beschmutzen, werden in diesen Bereichen Gehwegplatten auf ca 2,00 x 1,50 m verlegt. Die Grundstücke dazu gehören meistens der Kommune oder Stadt, wenn es aber nicht anders geht werden sie von Privatbesitzern gegen kleines Geld gepachtet oder notfalls enteignet. Wegen des öffentlichen Interesses. Die Trassen in denen die Kabel verlaufen führen aber oft auch durch Privatgrundstücke und wenn so eine Station neu errichtet oder modernisiert wird, wird mit schwerem Gerät gearbeitet und in der näheren Umgebung sieht das anschließend entsprechend aus. Und das Ganze dann wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand zu versetzen war dann halt unsere Aufgabe.

Bei der fraglichen Station mussten wir halt die Platten verlegen und einen kurzen Zugang zum Gehweg pflastern und den umliegenden Boden planieren, womit wir relativ schnell fertig waren. Aber dann kam es. Um die Station errichten zu können hatte man einen privaten Jägerzaun teilweise abgerissen und an den bestehenden Zaun sollten wir nun die etwa 10 m fehlenden Zaun wieder dranfrickeln. Pünktlich dazu fing es an zu schneien und weil wir quasi ungeschützt mitten auf einem Berg standen blies uns der kalte Dezemberwind die Flocken fast horizontal in die Augen. Das Zaunmaterial welches wir dabei hatten erwies sich als allererste Baumarktqualität. Die Felder irgendwo in Polen oder Tschechien zusammengetackert lösten sich beim Anschauen schon fast auf und die Pfosten sind wahrscheinlich nur um Haaresbreite der Streichholzproduktion vom Band gehüpft. Wenn man die Wasserwaage anlegte konnte man fast an jeder beliebigen Stelle deutlich durch Zwischenräume schauen die eigentlich gar keine Existenzberechtigung hatten. Half ja nix. Also Pfosten in die Erde gekloppt und Zaunfelder mit steifen Fingern drangenagelt. Anschließend erst über die Flucht, und uns dann gegenseitig ratlos angeschaut. Kann man so nicht lassen. Wütend schmiss der Fischverkäufer den Latthammer durch die Gegend, der dann natürlich prompt auch noch einen Halbriegel durchschlug. Felder wieder ab, Pfosten gerichtet, Felder wieder dran, defektes Feld ausgetauscht. Keine nennenswerte Verbesserung.

Aufgabe, Rückzug, Heimreise. Im Büro das Problem geschildert und Wetterbericht abgeliefert, Bauleiter schaut aus dem Fenster (im Tal) und sagt: „Hat doch aufgehört zu schneien. Kommt, fahrt nochmal raus, das kriegt ihr irgendwie hin, dann hab ich die Baustelle fertig.“ Wir wieder zurück, Kosmetik betrieben, eingesehen dass wir es nicht besser hinkriegen, und kletschnass und durchgefroren wieder in die Firma, wo wir erfuhren dass fast alle anderen schon vor dem Frühstück Schlecht Wetter gemacht hatten.

Später erfuhr ich dann, dass Tage später jemand anders rausgefahren war um den Zaun in einen abnahmefähigen Zustand zu versetzen (natürlich im Sonnenschein)

Frühjahr 1994

Ich bin mit Uwe N. zusammen eingeteilt wir sollen zu einer Baustelle vom neuen Bauleiter in ein Duiburger Neubaugebiet. Ich frag was da zu tun ist und krieg zu hören: „Erstmal Vorbereitungen und Stemmarbeiten mit dem Kompressor und anschließend Zaun setzen.“ „Was für Zaun?“ „Jägerzaun.“ Jägerzaun? Ich? Ich sage: Löcher stemmen ist gar kein Problem aber Jägerzaun setzen kann ich nicht, da muss dann morgen jemand anderes mit. „Wieso?“ fragt der Bauleiter, „So schwer ist das doch nicht.“ „Weiß ich, kann ich aber trotzdem nicht, hab ich schon zweimal mit dem Fischverkäufer ausprobiert, können wir beide nicht, ist einfach so.“ Da meint Uwe auf einmal: „Ach, das werden wir schon irgendwie hinkriegen.“ Ich schau ihn an. „Gut, wenn ihr meint, aber hinterher braucht sich keiner bei mir zu beschweren.“

Uwe N. ist ein paar Jahre älter als ich, hat aber als Studienabbrecher die Lehre später angefangen weswegen ich Dienstälter bin. Er ist einen Kopf kleiner, untersetzt mit kurzen Beinen und Bauch und dass mit noch nicht mal 30. Außerdem schnauft er sobald er sich ein wenig bewegen muss. Faul ist er nicht, aber langsam. Und irgendwie phlegmatisch. Er sah ungefähr so aus. Bis auf die Ohren. Er hat ganz kleine mit angewachsenen Ohrläppchen.

Als wir an der Siedlung ankommen ist alles noch viel schlimmer als ich dachte. Es sind diese komischen Schuhkartonhäser, diese unsäglichen Reiheneinfamilienhäuser wo junge Ehepaare sich für ein eigenes Haus verschulden und dann auf 100m2 wohnen, allerdings auf einer Grundfläche von 5 x 8 m auf 3 Etagen, links eine hellhörige Wand zum Nachbarn und rechts genauso. Unter anderem 8 Häuser in einer Reihe. Ich sag dazu immer, dass die sich alle immer gemeinsam vorher darauf einigen müssen, wann gepoppt wird. Mi+Sa von 20:00 – 22:00 oder so, man hat ja noch Kinderwünsche. Auf die dazugehörigen Terrassen passt dann ein ganzer Wäscheständer und als Grenze gibt es dann jeweils eine 3m lange Sichtschutzmauer rechts und links aus roten Ziegeln etwa mannshoch damit man sich nicht gegenseitig auf den Frühstücksteller guckt. Man lädt sich gegenseitig ein, diskutiert ob man überhaupt auf der weiteren gemeinsamen Grenze von 7m einen Zaun braucht, verneint dies erst, ist ja so spießig, entscheidet sich dann aber doch für einen 80cm niedrigen Holzzaun aus dem Baumarkt, natürlich nur wegen der Kinder und dem Dackel. Im ersten Frühjahr wird dann die Thujahecke gepflanzt, etwa 1,5m hoch und im zweiten kommen dann die Terrakottapflanzkübelchen auf die Grenzmauer und das erste Sichtschutzfeld als Mauerverlängerung wird aufgestellt. Die restlichen 2 Felder folgen dann im nächsten Jahr. Grade noch rechtzeitig vor der Scheidung.

Tangiert mich aber ja nicht, Sorgen machte mir vielmehr unter anderem diese ewig lange Gerade von 40m. Auf der Grenze waren schon Kantsteine gesetzt, wir mussten bloß alle 2,5m für die Pfosten die Rückenstütze abstemmen. Der Himmel war blau, die Sonne schien, es war ein herrlicher Frühlingstag und die Vöglein zwitscherten, glaub ich zumindest, nachdem wir den Kompressor anschalteten konnte man ja nichts mehr hören. Wir wechselten uns mit dem Hammer und Löchermachen ab und kamen gut voran. War eigentlich eine schöne, stressfreie, nicht zu anstrengende Arbeit. Gegen Mittag kam dann ein LKW von unserem Lieblingsbaustoffhändler mit meinem persönlichem Lieblingsfahrer, dem stets gut gelauntem Herrn Fischer. „Was bringen Sie uns denn schönes Herr Fischer?“ fragte ich, „Jede Menge Zaun.“ kam die Antwort. „Schön“ sagte ich „Und was soll ich jetzt damit?“ „Na setzen.“ „Aber ich muss heute erst noch Löcher machen.“ „Na dann morgen.“ „Und was mach ich bis dahin mit 200m Jägerzaun?“ „Na, da an der Wiese ist doch genug Platz zum lagern.“ „Und wieviel liegt dann da morgen früh?“ Herr Fischer grinste mich bloß wissend an. Neubaugebiete von Einfamilienhäusern auf der grünen Wiese sind hervorragend geeignet größere Mengen Baumaterial dort zu lagern, man hat dann am nächsten morgen meistens weniger Arbeit damit. Zum Glück hatten wir noch die Kette für die Rüttelplatte samt Schloß, die hab ich dann zum Feierabend durch die obersten Zaunfelder gezogen.

Am nächsten Morgen waren wir sehr früh da, die Zaunfelder zum Glück auch noch, und begannen gleich mit dem Pfähle kloppen. Wir kamen gut voran und konnten schon nach dem Frühstück die ersten Felder annageln. Nicht zu erwähnen braucht man eigentlich, dass mir die Qualität des Holzzaunes irgendwie bekannt vorkam. Ich ließ mir aber meine gute Laune nicht verderben. Uwe guckte immer öfter über die Flucht und fluchte immer häufiger leise in sich hinein. Tat er sonst selten, dafür schnaufte er aber auch noch mehr als sonst. Als wir Mittag machten schaute ich auf dem Weg zur Pritsche kurz unauffällig über die Flucht. Sah gut aus, dieses dezente Wellenmuster. Geradeaus kann schließlich jeder. Naja, fast. In der Kunstbranche nennt man so etwas glaub ich „Interessant“. Nach dem Mittag wurde Uwe immer übellauniger und langsamer, was mich allerdings nicht störte, eher das Gegenteil war der Fall. Irgendwann kurz vor Feierabend schaute er wieder mal über die Flucht und fragte dann: „Sag mal, meinst du dass kriegen wir so abgenommen?“ Ich schaute ihn an und entgegnete dann: „Uwe, wieso wir?“

14 Jahre ist das jetzt schon her, seinen Gesichtsausdruck hab’ ich immer noch deutlich vor Augen. Der war auf einmal so dackelig und tieftraurig. Irgendwie herzerweichend, bloß, wie heißt das blog hier? Eben.

Glück auf!

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2 Kommentare »

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  1. Hehe, „geradeaus kann schließlich jeder“. Den Spruch merk‘ ich mir mal.

  2. Wenn’s irgendwo gute Sprüche gibt, dann auf dem Bau.
    Der Link zum Aussehen von Uwe N. fehlte noch, den hab ich noch nachgetragen.


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