Harsch! – oder: Naher Osten Teil 04a

2008:07:08 um 18:17:27 | Veröffentlicht in Erlebtes, Galabau | 1 Kommentar
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Am Dringensten war es, in der unteren Halle, die für die Auslieferung gebaut wurde, das Planum zu erstellen. Weil die Holländer zum Pflastern kommen sollten und die legten per Maschine locker 4 Sattel am Tag weg. Dafür wurden mir unsere zwei Thüringer zugeteilt.

Der schweigsame Dieter auf dem Radlader und der immerzu sabbelnde Ronald an der Schaufel. Das Problem war, dass Dieter erst seit wenigen Tagen auf dem Radlader saß und den Schotter nicht vernünftig einbauen konnte, wenn man ihm Handzeichen gab reagierte er zwar, aber entweder im Zeitlupentempo oder zu ruckelig und die Zeit, die er brauchte, um neuen Schotter von draußen zu holen war vollkommen indiskutabel. Ronald auf die Maschine zu setzen wurde mir ausdrücklich verboten, was seinen Grund hatte. Nach einiger Zeit setzte ich mich auf die Maschine was beim Schotter holen und einbauen etwas Zeit sparte, aber das brachte nicht wirklich etwas, wie ich bald feststellen musste. Dieter war zwar immer bei der Sache, aber tat sich schwer mir die passenden Handzeichen zu geben und das Abstecken und Schnüre spannen auf Höhe ging ihm auch nicht so recht von der Hand. Außerdem fiel mir auf, dass er, wenn er mit Ronald zusammen war, sich die ganze Zeit von ihm ablenken ließ und auch zu oft quatschte und rauchte. Jedenfalls hatte das so keinen Zweck als ich mir das Ergebnis nach einiger Zeit von nahem beguckte. Zu hoch, zu tief, zu buckelig. Planum konnte man das nicht nennen. Also Dieter wieder auf die Maschine und ich mit Ronald an die Schaufel. Beim Schnüre spannen konnte dieser mir auch nicht helfen, weder kapierte er trotz mehrfachem Erklären wie man eine Schnur straff zieht, noch konnte er einen Pinn gerade in die Erde kloppen, ich fragte mich was der wohl vorher gearbeitet hat. Lokführer soll er gewesen sein, unter Tage, kaum zu glauben. Nach einiger Zeit viel mir auf, dass überall wo Ronald war, der Schotter zu hoch eingebaut war. Auf meine Nachfrage auf welcher Höhe er denn einbaut antwortete er ganz stolz: auf 14cm. Aber jedesmal wenn ich nachmaß kam ich auf 12, 11 und sogar 10cm. Auf meine Beschwerden, dass das bei einem 10er Pflasterstein ja wohl eindeutig nicht ginge guckte er jedesmal bedröppelt und sagte er würde das gar nicht verstehen wie das sein könne. Irgendwann nachdem ich ihn dabei beobachtete wie er mit dem Zollstock wichtig nachmaß, fragte ich ihn wie hoch es denn da jetzt sei. Die Antwort 14cm. Ich ging dann hin und maß nach und sagte, komisch, bei mir sinds gerade mal 11 er solle mir dochmal zeigen wie er auf 14 kommt. Das tat er dann auch. Er stellte das Ende des Zollstocks auf den Schotter und neigte diesen dann solange bis der Strich der 14 genau an der Schnur anlag. D’oh! Auf meine Nachfrage ob er mich verarschen wolle und ob er schonmal was von einem Herrn Pythagoras gehört hätte, kam nur ein dummes Gesicht. Da stand ich Anfang 20, keine 2 Jahre mit der Lehre fertig, und vor mir ein erwachsener Mann um die 50 der angeblich Jahrzehnte im Bergbau garbeitet hatte und der war zu blöd mit einem Zollstock 14cm unter der Schnur die Höhe abzulesen bzw. zu doof den Zollstock dabei einigermaßen gerade zu halten. Am liebsten hätte ich ihn nach Hause geschickt. Und das Beste war, dass er, obwohl blöd wie Pommes, auch noch den ganzen Tag unaufhörlich dummes Zeug laberte.

Als ich meinen Schieber in der Mittagspause mal drauf ansprach wurde nur süffisant gegrinst, ich müsse halt irgendwie damit klarkommen, er hätte keine anderen Leute. Also steckte ich die nächsten Tage quasi alleine alles ab, während Dieter mit dem Radlader im Schneckentempo Schotter holte und planierte diesen anschließend mit der Schaufel. Ronald ließ ich, so oft es ging, mit der Rüttelplatte abrütteln, dabei konnte selbst er nix falsch machen und ich hatte wenigstens meine Ruhe. Zum Wochenende hin tat mir bloß das Handgelenk immer stärker weh und am Samstag abend war es richtig geschwollen und machte bei jeder Drehbewegung komische Geräusche bzw vibrierte irgendwie seltsam.

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Blauer Montag – oder: Naher Osten Teil 03

2008:07:08 um 18:05:54 | Veröffentlicht in Erlebtes, Galabau | Hinterlasse einen Kommentar
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Fortsetzung von Teil 02

Die eigentliche Kantine befindet sich in dem hinteren Gebäude, der von mir so bezeichnete „Wintergarten“ ist offenbar ein Anbau der jetzt als Speisesaal dient und durch einen später hinzugefügten Durchlass zu erreichen ist. Das seltsamste ist der Fußboden, er ist ordentlich gefliest, aber enthält alle paar Meter Punkteinläufe mit jeweils deutlichem Gefälle dorthin, so dass die gesamte Fläche etwa gleichmässig in trichterförmige Felder unterteilt ist. Mich irritiert bloß der geringe Abstand, so etwas würde in einer Waschkaue durchaus sinnvoll sein, und um einen Bergbaubetrieb handelte es sich ja hier auch, nur, die rundum bis zum Boden verglasten Wände passten nicht dazu, wer zieht sich schon gerne in einem an der Straße gelegenen Wintergarten um? Die Kantine war privatisiert worden, und sollte irgendeinem Stinkstiefel gehören, der sich aber so gut wie nie blicken ließ. Das Küchenpersonal war durchgehend weiblich, was durchaus auffiel, da sich im gesamten Umkreis von über 2 km zu diesem Zeitpunkt ansonsten nur eine einzige Frau aufhielt. Ich glaube sie gehörte zu einer Tischlereifirma die irgendwo Innenausbau machte. Es gab jeweils 2 Menues zur Auswahl, man konnte aber auch Bockwurst mit Brötchen oder Frikadellen mit Kartoffelsalat o.ä. bekommen.
Hier mal eine persönliche Anmerkung zu Kantinen. Als Gärtner war man fast immer auf wechselnden Baustellen und zumeist auf auswärtige Kost angewiesen. Einige ältere Mitarbeiter aßen fast ausschließlich ihre mitgebrachte Verpflegung, wobei die ausländischen Mitarbeiter fast immer eine liebevoll zusammengestellte reichhaltige Verpflegung dabei hatten. Wir jüngeren hatten wenn überhaupt bloß Knifften oder Bemmen für’s Frühstück mit und versorgten uns zum Mittag meistens aus der näheren Umgebung. Wenn wir bei der Ruhrkohle arbeiteten gab’s meistens Kantinen, ansonsten hatte man nach einiger Zeit etliche Erfahrung mit Imbissen aller Art.
Ich hab deshalb schon öfters eklige und unappetitliche Läden und Speisen gesehen, aber das viel gehörte Kantinenbashing von manchen Leuten kann ich echt nicht ab. Wenn man statt für kleines Geld eine deftige Mahlzeit, irgendeine ausgefallene Spezialität, wenn’s geht auch noch mit erfüllten Sonderwünschen erwartet, soll man entweder in ein reguläres Restaurant gehen, oder sich seinen Krempel selber mitbringen. Das ewige Genöle übers Essen hab ich nie verstanden.
Das Essen war auf jeden Fall reichhaltig, und die Portionen mehr als gut. An die Preise kann ich mich nicht mehr erinnern, außer das ich daran nichts zu meckern fand. Und ich hab ca ein halbes Jahr lang fast täglich da in der Woche gegessen. Das Personal war freundlich und wir sind oft abends noch nach 19:00 dahin gefahren, dann aßen wir das was übrig geblieben war, die letzten Würstchen, Kotteletts o.ä. wurden auch extra für uns noch mal warm gemacht. Im Gegensatz zum Mittag, wo mehrere hundert Bergleute und Monteure, die gerade das gesamte Industriegebiet neu errichteten, dort Essen fassten, waren wir spät abends meistens die einzigen Gäste. Dort hab ich dann nach einem Tipp von S.B. abends auch meine erste Soljanka probiert.
Während wir am Tisch saßen und aßen beguckte ich mir das ganze Treiben um mich rum. Die eine Hälfte der Gäste bestand aus den Monteuren fast sämtlicher Gewerke: Hochbau, Tiefbau, Innenausbau, Maschinenbau, Maler, Zimmerleute, Dachdecker, Elektriker etc, und zwar so wie ich das beurteilte, zu über 90% aus dem Westen. Die Andere anscheinend aus Bergleuten der Wismut. Die Tische waren alle gleich groß und hatten jeweils Platz für 4 Personen, da es im gesamten Raum wegen des beschrieben Gefälles keine einzige halbwegs waagerechte Stelle gab, und 3 Punkte eine Ebene bilden, aber jeder Tisch 4 Beine hatte, ergab sich die groteske Situation, dass jeder Tisch wackelte, wirklich ausnahmslos jeder.

Und um dieses faszinierende Gesamtbild noch zu steigern, hatten die Leute am jeweiligen Tisch mindestens ein Bein „unterfüttert“. So etwas war mir aus Kneipen durchaus vertraut, aber bei uns nahm man dafür normalerweise Bierdeckel, hier nicht, hier nahm man Besteck. Ja Besteck, denn das bestand auch nicht aus Stahl sondern aus Aluminium, (noch so ein Faszinosum der sozialistischen Mangelverteilung) und ließ sich problemlos umbiegen. Das klappte leider gelegentlich auch unfreiwillig beim Fleischzerteilen. Jedenfalls befand sich unter jedem Tisch eine Einzelanfertigung aus einem Konglomerat von umgebogenen Messern, Gabeln und besonders Löffeln, bei denen passte nämlich das Stuhlbein ganz gut in die für Suppe gedachte Vertiefung.

Bei den Wismutmitarbeitern handelte es sich um Bergleute, die noch benötigt wurden um den Betrieb geordnet aufrecht zu erhalten. Die Uranerzförderung wurde nach der Wende zwar eingestellt aber man kann ein Bergwerk nicht einfach stillegen. Beziehungsweise man kann schon, aber dann muss man aus der darüberliegenden Fläche sozusagen ein Naturschutzgebiet ohne Zutrittserlaubnis machen, was zumeist schwierig ist, wenn sich wie so oft noch komplette Siedlungen darüber befinden. Bergschäden entstehen entgegen landläufiger Meinung weniger durch den eigentlichen Betrieb, sondern meistens durch den Verfall bereits stillgelegter Flöze. Legt man ein Bergwerk still und schaltet die Pumpen ab, läuft es in kürzester Zeit mit Grubenwasser voll und säuft ab. Es kommt zu massiven Einbrüchen. Ein einmal eingestellter Bergwerkbetrieb kann deshalb auch nie wieder reaktiviert werden, das sollte man mitbedenken wenn man zum Beispiel über Stilllegungen der Kohleförderung im Ruhrgebiet nachdenkt.

Es muss also einen geordneten „Rückbau“ geben, will man immense Folgeschäden vermeiden. Das wichtigste ist zunächst die Pumpen weiter zu betreiben um die Anlagen unter Tage trocken zu halten. Und dann müssen die Abstützungen ständig überprüft und gegebenenfalls erneuert werden bis alle Hohlräume verfüllt sind. Ein enorm kostspieliges und zeitaufwendiges Unterfangen, das aber wenigstens einem Teil der ursprünglichen Belegschaft noch einige Jahre die Arbeitsplätze erhalten würde. Im Falle der Wismut kam als Besonderheit noch hinzu, dass das schwach radioaktive Bergematerial, aus dem die beiden bereits genannten Halden bestanden, wieder abgetragen und nebenan zum ehemaligem Tagebau Lichtenberge verbracht werden sollte. Dort war später dafür die größte Kipperflotte Europas im Einsatz. Bis zur Bundesgartenschau 2007 in Gera entstand dort dann die Neue_Landschaft_Ronneburg.

Erkennen konnte man die Kumpel alle an ihren Blaumännern. Und das fand ich die nächsten Tage jedesmal faszinierend. Also die Blaumänner schienen mir (ich bin ja nicht aus der Textilbranche, die lag ja mehr so bei W´tal oder der falschen Rheinseite bei Krefeld) von etwas geringerer Qualität als aus dem Westen, aber ansonsten durchaus vergleichbar. Ich war selbst nie beim Barras aber ich habe gehört, dass es Uniformen in ausschließlich drei verschiedenen Größen gibt. Normal, Groß und Klein. Das ist natürlich schlecht, denn die Menschen sind ja verschieden. Es gibt wohl drei Hauptunterteilungen in: Ektomorph, Mesomorph, und Endomorph und daraus setzen sich dann etwa 80 Unterkategorien zusammen. (Das habe ich gerade nachgeschlagen, das ist kein Hobby von mir). Nun könnte man meinen, Blaumänner aus DDR Produktion gäbe es auch bloß in 3 Größen, zum einem wegen der Mangelwirtschaft und zum anderem muss man darin ja nun wirklich nicht besonders chic drin aussehen. Gab es aber nicht, es gab durchaus mehr, zwar keine 80 verschiedenen, (gabs im Westen ja natürlich auch nicht), aber ich schätze so an die 12 verschiedenen Größen gabs schon, wenn man die Jacken mitzählt. Also für kleine stämmige Leute, für kleine normale Leute, für kleine Schmächtige, für Normalgroße mit und ohne Bauch, für schlacksige lange Kerls, für richtig Kräftige, für fast jeden Typ gab’s die passende Größe.
Jetzt werden Sie sich fragen, „Wozu erzählt der das? Das ist doch total selbstverständlich und langweilig.“ Die Antwort ist, ich frage mich bis heute, wenn damals in der DDR die Menschen genauso verschiedene Staturen hatten wie im Westen, und es Blaumänner in zig verschiedenen Größen gab, wozu hat man denn damals offenbar ein Gesetz erlassen, welches es augenscheinlich ausnahmslos jedem Kumpel verbat, einen ihm passenden Blaumann zu tragen?

Glück auf!

Komplett! – oder: Naher Osten Teil 02

2008:07:08 um 17:56:24 | Veröffentlicht in Erlebtes, Galabau | Hinterlasse einen Kommentar
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Fortsetzung von Teil 01

Gegen 11:00 kommen wir endlich an der Baustelle an. Hier entsteht das Druckzentrum für die Ostthüringer Zeitung (OTZ) eine Tochter der WAZ. Eine große neu errichtete Industriehalle quasi mitten auf dem Acker und ringsrum fast nur Schlamm. Wir haben mehrere Wohncontainer in einem Containerdorf auf einer notdürftig geschotterten Fläche. G.D. hat einen für sich alleine, T.R. und ich teilen uns einen direkt nebenan. Die Dinger sind ziemlich neu und von innen und außen sauber was mich schonmal etwas beruhigt. Zeit haben wir keine, bloß Taschen rein und dann ab eine Böschung runter zur Halle die etwa 3 bis 4m tiefer liegt als das Containerdorf. Dann seh’ ich, dass es eigentlich drei Hallen sind, zwei flachere jeweils außen und in der Mitte eine höhere. Deren Vorderfront besteht fast einzig und allein aus einem riesigen Aluminiumrolltor das eine massive Beule hat. Das Ding ist mehr als zwei Stockwerke hoch und der obere Teil sieht aus, als wäre ein kleines Propellerflugzeug reingeflogen, was ähnlich wie in dem einen James Bond Film auch gepasst hätte, bloß war das Tor wohl dummerweise zu. „Was ist denn da passiert?“ frag ich. „Das gab letztens etwas Sturm und da hat der Wind genau draufgedrückt und es hat irgendwie nicht ganz gehalten.“ sagt G.D. „Das witzige ist, in Erfurt bauen sie gerade eine baugleiche Halle und da sollte auch so ein Tor rein, das haben sie dann gleich abbestellt, kostet ja auch bloß um die 50.000.“ Wir gehen in die letzte Halle durch eine ca 8m breite Einfahrt und stehen auf einer geschotterten Fläche auf der ich einen unseren Radlader entdecke. G.D. fragt einen Typen um die 50 Jahre im Blaumann wie weit er sei und ob sie klar kämen? Etwas weiter steht noch so eine Gestalt und ich erfahre, dass das 2 Thüringer sind die für uns arbeiten. Wie sich rausstellt haben die beiden den Schotter wohl etwas zu hoch eingebaut aber schon verdichtet. S.B. ein Westkollege der auch eben erst mit dem eigenen Wagen gekommen ist, sitzt im Radlader und versucht mühsam vom Schotter etwas abzuziehen. Der eine Blaumann kommt auf mich zu und meint auf einmal, es sei sehr schwer, von dem verdichtetem Schotter wieder etwas abzuziehen. Aha, ich frag mich bloß wieso er überhaupt verdichtet ist, wenn er doch zu hoch ist, sieht ja wohl auch ein Blinder. Ich frage nach einer Schaufel und der Blaumann namens Roland meint, oben im Werkzeugcontainer seien noch welche. Ich frag’ wieviele sie denn hier unten hätten? Na eine. Kein Kommentar. Ich bitte ihn: „Hol doch mal ein paar, ich hab schließlich keine Ahnung wo das ist,“ und er fragt wieviele. Ich sage: „Immer eine Schaufel mehr als Leute da sind“ und er sagt „Sehr witzig.“ „Nein, kein Witz, immer eine Schaufel mehr als Leute.“ „Soll ich jetzt gleich welche holen oder nach dem Mittag??“ fragt er. Von mir aus heute abend denk ich, ich steck dann solange meine Hände in die Taschen und schau den anderen beim arbeiten zu. „Jetzt,“ sag ich „wäre nett, “ sonst könnt ich ja schließlich nicht mitarbeiten. Fängt ja gut an alles.

Irgendwann ist dann Mittag, und es heißt, wir fahren mit dem Auto in eine Kantine. Gut, denk ich und steig ein, die Fahrt geht keine Minute die Kantine ist direkt die Straße hoch etwa 800m Luftlinie. Ich steig aus und seh’ eine Art Wintergarten mit großen Fenstern fast bis zum Boden und darin jede Menge Tische. Der Eingang ist an der Seite und als ich da ankomme hab’ trifft mich fast der Schlag. Hinter dem Wintergarten ist ein größeres Gebäude und an dessen Wand steht etwas abgeblättert aber noch schön deutlich zu lesen: WISMUT Ich ruf’: „Was? Wismut? Seid ihr verrückt? Hier bleib’ ich nicht, ich will sofort zurück.“ „Wieso,“ meint G.D. „kennst du das? Woher?“ Ich schau ihn entgeistert an, „Sag mal, hast du ne Macke? Das ist der Uranbergbau für die Russen, das ist wahrscheinlich die übelste Gegend diesseits des Urals, sowas weiß man doch.“ „Ja,“ sagt er, „das haben sie mir auch erzählt, die 2 Titten die da in der Gegend rumliegen, da soll radioaktives Material drin sein, aber nur ganz schwaches, das wird demnächst wieder unter Tage verfüllt.“ „Toll,“ sag ich, „dir kann man auch alles erzählen, hier im Umkreis dürfte wohl alles giftig, verseucht und verstrahlt sein, hier fass ich nix mehr an.“ Nein alles halb so wild, das wäre hier bloß ganz am Rand, der eigentliche Abbau war ganz woanders. „Komm erst mal rein in Ruhe was essen.“ Ich geh ihm ein paar Schritte nach durch einen kurzen Flur der als Windschutz dient, an dessen Wand steht ein Tisch mit einer angebrochenen Packung Würfelzucker und 2 Dosen Kondensmilch. An der Wand hängt ein DIN A4 Zettel auf dem steht: Kaffe -,50| Kaffee weiß -;60| Kaffee mit Zucker -,60| Kaffee komplett 0,70|. Ahja, sowas hab ich ja in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Ich hab jedenfalls den Kaffee vorerst auf, und zwar ebenfalls komplett.

Glück auf!
Fortsetzung Teil 03

30 – 1202 : oder: Naher Osten Teil 01

2008:07:08 um 17:53:32 | Veröffentlicht in Erlebtes, Galabau | Hinterlasse einen Kommentar
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„Nur die Harten komm‘ inn‘ Garten“ RSS
BAB 4: Herleshausen – Eisenach – Gotha – Wandersleben – Erfurt – Nohra – Weimar – Apolda – Magdala – Schorba – Jena – Stadtroda – Hermsdorfer Kreuz – Rüdersdorf – Gera – Ronneburg – Schmölln

Frühjahr 1993. Meine erste Fahrt in den Nahen Osten, zumindest um dort zu arbeiten, in „Berlin – Hauptstadt der DDR“ bin ich schon mehrmals gewesen. Wir fahren zu dritt mit dem MB 407 Kastenwagen, was sehr bequem ist, da trotz etlichem an Gepäck und Werkzeug noch ausreichend Platz vorhanden ist um sich auszustrecken.
G.D., mein Schieber, ist 14 Tage vorher schon auf der Baustelle gewesen, T.R. war zwar noch nicht auf der Baustelle aber schon öfters drüben, bloß für mich ist alles neu. Um 05:00 hat G.D. mich abgeholt, wenigstens kann ich im Auto noch ein wenig pennen. Viel zu sehen oder erzählen gibt’s eh nicht. Irgendwann nach dem Frühstück passieren wir Herleshausen, es stehen noch jede Menge Wachtürme, Lichtmasten, Betonhindernisse und anderer Krempel rum, aber wir sind im Nullkommanix dran vorbei, früher ging da unter einer halben Stunde gar nix. Ich schau abwechselnd auf die Schilder und die LKWs, die sich einer an den anderen reihen, die wir überholen, den Aufschriften nach zu urteilen wird die gesamte Produktion des Ruhrgebietes in den Osten gekarrt. Es wird wieder hügelig und unsere Karre, die geradeaus ca 130 läuft, schafft bergauf teilweise nur knappe 80. Das führt dazu, dass wir öfters einem blaßgrünen Trabbi begegnen der bergauf hinter den LKWs verhungert und den wir öfters ohne böse Absicht ausbremsen. Beim dritten mal als er uns wieder einmal, hinter einem LKW auflaufend, kommen sieht, schaltet er die Warnblinkanlage ein. T.R. und ich winken freundlich beim Überholen, G.D. ist die Sache peinlich und er schaut verschämt stur geradeaus. Irgend wann schaut G.D. auf die Tankanzeige und flucht: „Mist ich hab’ die Kanister vergessen.” Ich frage von hinten „Welche Kanister?“ und er antwortet: „Der Tank reicht nicht ganz bis zur Baustelle deshalb wollte ich extra noch einen Kanister Diesel mitnehmen, weil wir keine Tankkarte dabei haben.“ Toll, auf der Baustelle steht ein 1.000 Liter Fass und wir laufen kurz vorm Ziel trocken. „Dann müssen wir halt kurz abfahren und tanken.“ mein ich, „Ist doch kein Problem, Quittung geben lassen und uns die Kohle später im Büro wiederholen.“ „Doch ein Problem.“ meint G.D. „Hier gibt’s nicht an jeder Ecke einen Tanke so wie bei uns, manchmal ist die nächste 20km weit entfernt und wir sind eh schon spät dran.“ „Ja kommen wir nun mit der Füllung bis zur Baustelle oder nicht?“ „Sieht jedenfalls eng aus.“ „Ist das hier eigentlich ne Maschine mit Selbstentlüftung?“ frag ich. „Scheiße, keine Ahnung das wär’s auch noch, wenn wir das Ding hier mitten auf der Bahn entlüften müssten.“ „Was ist denn, wenn wir hier irgendeinen Bauern oder LPG fragen, die werden uns doch wohl etwas Diesel geben?“ „Guter Vorschlag, bleibt uns ja auch nicht viel übrig, ich fahr die nächste Abfahrt raus.“ Gesagt getan, wir halten Ausschau nach irgendwas das nach Landwirtschaft aussieht, und finden nach 5 Minuten auch was, nach der Zufahrt über Panzerplatten kommen wir durch ein großes Tor und stehen auch praktischerweis direkt an einem Tankplatz. Bloß ist niemand zu sehen und es sieht alles ziemlich verlassen aus. G.D. hupt kurz aber es tut sich nix. Gerade als T.R. austeigen und suchen gehen will, kommt ein Typ Ende 40 mit strähnigen Haaren im Blaumann und Gummistiefeln um die Ecke. Wir steigen aus und er nuschelt irgendwas undeutliches. G.D. sagt: „Guten Tag wir wollen nach Gera aber unser Tank ist fast leer und jetzt wollten wir fragen ob wir etwas Diesel haben könnten?“ Der Typ mit der Wolldecke im Mund quasselt ein paar Sätze die ich beim besten Willen nicht verstehe und fragt dann „Wieviel?“ G.D. meint 10 Liter würden reichen wir sind ja fast da, da meint der Typ das wir das aber bezahlen müssten. Ach? Diesel gibt’s nicht umsonst? Sowas Aber auch. Natürlich würden wir bezahlen, wo steht denn der Kurs? Der Typ brabbelt wieder etwas und meint dann plötzlich 1,10 der Liter. „Alles klar,“ sagt G.D. „dann nehmen wir 10 Liter.“ Der Typ greift sich in die Brusttasche seines Blaumannes und ich denk’ darin hat er den Schlüssel für die Zapfanlage, aber zum Vorschein holt er einen Taschenrechner. Ich weiß bis heute nicht wozu ein LPG Angestellter draußen einen Taschenrechner mit sich rumschleppt, aber es kommt noch besser. T.R. und ich sehen uns vielsagend an, als der Typ irgendwas eintippt und dann meint „10 Liter das macht dann 11,11 DM.“ T.R. und ich steigen schnell ein weil wir unser Lachen kaum verbergen können.

Das war also das Ereignis, welches ich mein zukünftiges Leben lang, im
Zusammenhang mit meinen ersten Nahosterfahrungen im Gedächtnis behalten werde, und es werden noch einige folgen.

G.D. bleibt etgegen meinen Erwartungen völlig ruhig, ich glaube er hat gar nicht richtig zugehört. Der Typ schmeißt die Zapfanlage an und macht uns ziemlich genau 10 Liter rein, G.D. bezahlt und wir bekommen sogar eine Quittung geschrieben, muss ja alles seine sozialistische Ordnung haben. Dann fahren wir los, zurück auf die Bahn, irgendwann seh’ ich ein Schild Gera und ein paar Häuser unten in einem Tal, aus dem drei_riesige_Schornsteine nach oben ragten, und kurz darauf wieder Wald und dann zwei_riesige_Titten die einfach so in der Gegend rumliegen. Kurz dahinter fahren wir an einer Behelfsausfahrt ab, an der ich Schmölln und Ronneburg lese. „Was ist denn mit Gera?“ frage ich „Ich dachte da müssen wir hin?“ „Nee nach Ronneburg müssen wir, das ist gleich nebenan.“ „Und war das gerade ganz Gera, wo ist denn der Rest?“ „Das war alles, es gibt keinen Rest.“ „Na toll,“ denk ich, „das gibt bestimmt ein tolles Wochenende, mit tierisch viel Nachtleben.“

Glück auf!

PS: Die 3_Essen wie die Schornsteine genannt wurden, waren übrigens das Wahrzeichen und höchste Bauwerk Geras, und typisch Sozialismus, ging nur eine davon überhaupt in Betrieb.

Fortsetung Teil 02
Fortsetzung Teil 03

Fluchten zum Fluchen und Flüchten

2008:07:08 um 17:39:08 | Veröffentlicht in Erlebtes, Galabau | 2 Kommentare
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Prolog

Herbst 1993

Es ist „Schietwetter“ und der Fischverkäufer und ich können nicht auf unserer Baustelle arbeiten weil da alles abgesoffen ist. Statt nach Hause in’s warme Bettchen sollen wir aber noch „mal eben™ “ eine RWE-Station fertigmachen.

Irgendwo an der Grenze Essen/Velbert oben auf dem Berg. Die Palette mit den Zaunfeldern, eine Schubkarre Sand und ein paar Platten sollen wir aufladen und mitnehmen. Wir sind begeistert.

Eine RWE-Station (keine Ahnung wie die Dinger offiziell heißen) ist so ein dezentgrüner Metallkasten von ca 2,00 x 4,00 m die überall bevorzugt an den Ecken von Häuserblocks rumstehen oder in der Nähe von öffentlichen Plätzen. Dort kommen dann unterirdisch die Stromleitungen von mehreren KV an und werden dann auf die umstehenden Häuser verteilt. Innendrin sind dann lauter Sicherungen, Automaten, Relais, Schalter und ähnlicher Krempel. Auf den Stirnseiten sind die Zugangstüren dazu und damit die Herren Elektriker sich nicht die Haxen brechen oder sich beschmutzen, werden in diesen Bereichen Gehwegplatten auf ca 2,00 x 1,50 m verlegt. Die Grundstücke dazu gehören meistens der Kommune oder Stadt, wenn es aber nicht anders geht werden sie von Privatbesitzern gegen kleines Geld gepachtet oder notfalls enteignet. Wegen des öffentlichen Interesses. Die Trassen in denen die Kabel verlaufen führen aber oft auch durch Privatgrundstücke und wenn so eine Station neu errichtet oder modernisiert wird, wird mit schwerem Gerät gearbeitet und in der näheren Umgebung sieht das anschließend entsprechend aus. Und das Ganze dann wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand zu versetzen war dann halt unsere Aufgabe.

Bei der fraglichen Station mussten wir halt die Platten verlegen und einen kurzen Zugang zum Gehweg pflastern und den umliegenden Boden planieren, womit wir relativ schnell fertig waren. Aber dann kam es. Um die Station errichten zu können hatte man einen privaten Jägerzaun teilweise abgerissen und an den bestehenden Zaun sollten wir nun die etwa 10 m fehlenden Zaun wieder dranfrickeln. Pünktlich dazu fing es an zu schneien und weil wir quasi ungeschützt mitten auf einem Berg standen blies uns der kalte Dezemberwind die Flocken fast horizontal in die Augen. Das Zaunmaterial welches wir dabei hatten erwies sich als allererste Baumarktqualität. Die Felder irgendwo in Polen oder Tschechien zusammengetackert lösten sich beim Anschauen schon fast auf und die Pfosten sind wahrscheinlich nur um Haaresbreite der Streichholzproduktion vom Band gehüpft. Wenn man die Wasserwaage anlegte konnte man fast an jeder beliebigen Stelle deutlich durch Zwischenräume schauen die eigentlich gar keine Existenzberechtigung hatten. Half ja nix. Also Pfosten in die Erde gekloppt und Zaunfelder mit steifen Fingern drangenagelt. Anschließend erst über die Flucht, und uns dann gegenseitig ratlos angeschaut. Kann man so nicht lassen. Wütend schmiss der Fischverkäufer den Latthammer durch die Gegend, der dann natürlich prompt auch noch einen Halbriegel durchschlug. Felder wieder ab, Pfosten gerichtet, Felder wieder dran, defektes Feld ausgetauscht. Keine nennenswerte Verbesserung.

Aufgabe, Rückzug, Heimreise. Im Büro das Problem geschildert und Wetterbericht abgeliefert, Bauleiter schaut aus dem Fenster (im Tal) und sagt: „Hat doch aufgehört zu schneien. Kommt, fahrt nochmal raus, das kriegt ihr irgendwie hin, dann hab ich die Baustelle fertig.“ Wir wieder zurück, Kosmetik betrieben, eingesehen dass wir es nicht besser hinkriegen, und kletschnass und durchgefroren wieder in die Firma, wo wir erfuhren dass fast alle anderen schon vor dem Frühstück Schlecht Wetter gemacht hatten.

Später erfuhr ich dann, dass Tage später jemand anders rausgefahren war um den Zaun in einen abnahmefähigen Zustand zu versetzen (natürlich im Sonnenschein)

Frühjahr 1994

Ich bin mit Uwe N. zusammen eingeteilt wir sollen zu einer Baustelle vom neuen Bauleiter in ein Duiburger Neubaugebiet. Ich frag was da zu tun ist und krieg zu hören: „Erstmal Vorbereitungen und Stemmarbeiten mit dem Kompressor und anschließend Zaun setzen.“ „Was für Zaun?“ „Jägerzaun.“ Jägerzaun? Ich? Ich sage: Löcher stemmen ist gar kein Problem aber Jägerzaun setzen kann ich nicht, da muss dann morgen jemand anderes mit. „Wieso?“ fragt der Bauleiter, „So schwer ist das doch nicht.“ „Weiß ich, kann ich aber trotzdem nicht, hab ich schon zweimal mit dem Fischverkäufer ausprobiert, können wir beide nicht, ist einfach so.“ Da meint Uwe auf einmal: „Ach, das werden wir schon irgendwie hinkriegen.“ Ich schau ihn an. „Gut, wenn ihr meint, aber hinterher braucht sich keiner bei mir zu beschweren.“

Uwe N. ist ein paar Jahre älter als ich, hat aber als Studienabbrecher die Lehre später angefangen weswegen ich Dienstälter bin. Er ist einen Kopf kleiner, untersetzt mit kurzen Beinen und Bauch und dass mit noch nicht mal 30. Außerdem schnauft er sobald er sich ein wenig bewegen muss. Faul ist er nicht, aber langsam. Und irgendwie phlegmatisch. Er sah ungefähr so aus. Bis auf die Ohren. Er hat ganz kleine mit angewachsenen Ohrläppchen.

Als wir an der Siedlung ankommen ist alles noch viel schlimmer als ich dachte. Es sind diese komischen Schuhkartonhäser, diese unsäglichen Reiheneinfamilienhäuser wo junge Ehepaare sich für ein eigenes Haus verschulden und dann auf 100m2 wohnen, allerdings auf einer Grundfläche von 5 x 8 m auf 3 Etagen, links eine hellhörige Wand zum Nachbarn und rechts genauso. Unter anderem 8 Häuser in einer Reihe. Ich sag dazu immer, dass die sich alle immer gemeinsam vorher darauf einigen müssen, wann gepoppt wird. Mi+Sa von 20:00 – 22:00 oder so, man hat ja noch Kinderwünsche. Auf die dazugehörigen Terrassen passt dann ein ganzer Wäscheständer und als Grenze gibt es dann jeweils eine 3m lange Sichtschutzmauer rechts und links aus roten Ziegeln etwa mannshoch damit man sich nicht gegenseitig auf den Frühstücksteller guckt. Man lädt sich gegenseitig ein, diskutiert ob man überhaupt auf der weiteren gemeinsamen Grenze von 7m einen Zaun braucht, verneint dies erst, ist ja so spießig, entscheidet sich dann aber doch für einen 80cm niedrigen Holzzaun aus dem Baumarkt, natürlich nur wegen der Kinder und dem Dackel. Im ersten Frühjahr wird dann die Thujahecke gepflanzt, etwa 1,5m hoch und im zweiten kommen dann die Terrakottapflanzkübelchen auf die Grenzmauer und das erste Sichtschutzfeld als Mauerverlängerung wird aufgestellt. Die restlichen 2 Felder folgen dann im nächsten Jahr. Grade noch rechtzeitig vor der Scheidung.

Tangiert mich aber ja nicht, Sorgen machte mir vielmehr unter anderem diese ewig lange Gerade von 40m. Auf der Grenze waren schon Kantsteine gesetzt, wir mussten bloß alle 2,5m für die Pfosten die Rückenstütze abstemmen. Der Himmel war blau, die Sonne schien, es war ein herrlicher Frühlingstag und die Vöglein zwitscherten, glaub ich zumindest, nachdem wir den Kompressor anschalteten konnte man ja nichts mehr hören. Wir wechselten uns mit dem Hammer und Löchermachen ab und kamen gut voran. War eigentlich eine schöne, stressfreie, nicht zu anstrengende Arbeit. Gegen Mittag kam dann ein LKW von unserem Lieblingsbaustoffhändler mit meinem persönlichem Lieblingsfahrer, dem stets gut gelauntem Herrn Fischer. „Was bringen Sie uns denn schönes Herr Fischer?“ fragte ich, „Jede Menge Zaun.“ kam die Antwort. „Schön“ sagte ich „Und was soll ich jetzt damit?“ „Na setzen.“ „Aber ich muss heute erst noch Löcher machen.“ „Na dann morgen.“ „Und was mach ich bis dahin mit 200m Jägerzaun?“ „Na, da an der Wiese ist doch genug Platz zum lagern.“ „Und wieviel liegt dann da morgen früh?“ Herr Fischer grinste mich bloß wissend an. Neubaugebiete von Einfamilienhäusern auf der grünen Wiese sind hervorragend geeignet größere Mengen Baumaterial dort zu lagern, man hat dann am nächsten morgen meistens weniger Arbeit damit. Zum Glück hatten wir noch die Kette für die Rüttelplatte samt Schloß, die hab ich dann zum Feierabend durch die obersten Zaunfelder gezogen.

Am nächsten Morgen waren wir sehr früh da, die Zaunfelder zum Glück auch noch, und begannen gleich mit dem Pfähle kloppen. Wir kamen gut voran und konnten schon nach dem Frühstück die ersten Felder annageln. Nicht zu erwähnen braucht man eigentlich, dass mir die Qualität des Holzzaunes irgendwie bekannt vorkam. Ich ließ mir aber meine gute Laune nicht verderben. Uwe guckte immer öfter über die Flucht und fluchte immer häufiger leise in sich hinein. Tat er sonst selten, dafür schnaufte er aber auch noch mehr als sonst. Als wir Mittag machten schaute ich auf dem Weg zur Pritsche kurz unauffällig über die Flucht. Sah gut aus, dieses dezente Wellenmuster. Geradeaus kann schließlich jeder. Naja, fast. In der Kunstbranche nennt man so etwas glaub ich „Interessant“. Nach dem Mittag wurde Uwe immer übellauniger und langsamer, was mich allerdings nicht störte, eher das Gegenteil war der Fall. Irgendwann kurz vor Feierabend schaute er wieder mal über die Flucht und fragte dann: „Sag mal, meinst du dass kriegen wir so abgenommen?“ Ich schaute ihn an und entgegnete dann: „Uwe, wieso wir?“

14 Jahre ist das jetzt schon her, seinen Gesichtsausdruck hab’ ich immer noch deutlich vor Augen. Der war auf einmal so dackelig und tieftraurig. Irgendwie herzerweichend, bloß, wie heißt das blog hier? Eben.

Glück auf!

Erdzeit 1990:08:01:09:00

2008:07:03 um 14:22:49 | Veröffentlicht in Erlebtes, Galabau | Hinterlasse einen Kommentar
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Erster Tag. Um 05:30 in der Firma, Leute stehen vereinzelt in Grüppchen rum und quatschen. Kurz vor 06:00, der Junior kommt mit einer Tafel in die Werkstatt und hängt sie auf, alles rennt hin und guckt drauf. Ich dann auch. Nach einiger Zeit entdeck ich ein Schildchen mit meinem Namen unter zwei anderen und einem Schildchen „MB 407DK alt“. Ich dreh mich um und steh allein in der Halle, während alle anderen an den Fahrzeugen rumwuseln oder schon eingestiegen sind. Ratlos. Da kommt jemand auf mich zu und fragt mich ob ich der „Dingsbums“ sei. Als ich verneine lässt er mich wortlos stehen. Ratlos. Endlich kommt ein kurzhaariger 1,90m Typ und fragt mich ob ich ich sei. Ja. Da einsteigen.

Ich steig hinten ein und wir fahren auch schon los. Nach zwei Minuten wird mir zumindest klar was das „alt“ auf dem Schildchen bedeutet hat.

Nach etwa einer halben Stunde Fahrt nach Norden kommen wir an, fahren durch den Haupteingang am Pförtnerhäuschen vorbei in ein Rondell und halten.

Motor aus. Gott sei Dank welch himmlische Ruhe. Der Fahrer schenkt sich einen Becher Kaffee ein. Fahrer und der lange Typ unterhalten sich eine Weile, dann steigen wir aus. Raseneinsaat auf einer Fläche um das Pförtnerhäuschen die schon fast fertig gestellt ist. Der Fahrer, ein lockiger Typ Mitte Zwanzig harkt und ich darf die Steine und Erdklumpen erst in eine Schubkarre und dann in einen Container verfrachten. Um 09:00 ist Frühstückspause die ich dazu nutze die zwei Dubbels die ich dabei hab zu verdrücken. Langsam wirds warm. Dann gehts weiter und wir sind kurz vor Mittag so weit fertig.

Bergwerk Westerholt - Quelle Wikipedia

Bergwerk Westerholt - Quelle Wikipedia

Bergwerk Westerholt

Bergwerk Westerholt

Zur Mittagspause zieh ich mir eine Flasche Cola aus einem Automaten rein, zu Essen hab ich ja schlauerweise nix mehr. Dann gehts weiter über das Werksgelände über holprige Wege kreuz und quer an etlichen Hallen aus roten Ziegeln vorbei und unter zig verschieden großen teilweise dampfenden Rohrleitungen durch und dann irgendwelche geschotterten Serpentinen hinauf auf eine Bergehalde. Achtung Linksverkehr!Mitten im Nirgendwo halten wir an und steigen aus. Der Lange drückt mir einen Freischneider in die Hand und weist mich kurz ein, dazu erhalte ich noch einen Helm mit Sichtschutzvisier und daran befestigten Mickeymäusen.Dann fangen wir an etwa kniehohes Graszeugs zu mähen.Das Problem: angeblich sollen sich darin Bäume verstecken, die stehen bleiben sollen, und je nachdem wie rum man steht, ist immer ein Fuß samt Unterschenkel überflüssig weil die Halde halt ca 40-50% Steigung hat.Das Visier versperrt mir ziemlich die Sicht und ich kann keine Bäume entdecken und komm mir schon verarscht vor. Dann auf einmal seh ich sie, jedesmal unmittelbar nachdem ich sie umgenietet habe.Am ersten Tag anteilig ca. 100m2 Rasen gesät und ca. 50 Stck Heister gefällt, das das eine ausgeglichene Ökobilanz ergibt darf bezweifelt werden. Und das von Jemandem der Gärtner werden will. Aber das Meiste von dem Kroppzeug hat noch Glück, ich bin etwa 10 mal so langsam wie meine Kollegen seh ich später, sonst hätt ich die 500 bestimmt auch noch geschafft.Plötzlich seh ich wie etwas angeflogen kommt und gegen das Visier knallt, genau auf Nasenhöhe. Vespula germanica. Keine 20cm von meinen Augen entfernt sitzt das Vieh und ich seh ein, dass das verdammte Visier doch sehr nützlich ist. Haha, lach ich das zornige Insekt aus, während es erst auf dem Visier außen im Kreis läuft und dann kopfüber nach unten. Ich lach nicht mehr und starr auf das winzige Tierchen wie das Kaninchen auf die Schlange.Das Miststück krabbelt weiter bis zum unteren Rand des Visiers der sich ungefähr auf Kehlkopfhöhe befindet und hält an. Flieg! denk ich, aber das Tier macht schwerkrafttrotzend eine Halse und beginnt wieder nach oben zu krabbeln. Allerdings diesmal auf der Innenseite. In Panik streif ich den Helm mit der linken Hand ab, so dass er zu Boden fällt um sogleich von dem rotierenden Messer des Freischneiders erfasst zu werden, welches dann schwungvoll den Gehörschutz abtrennt. Jetzt war nicht nur die Ökobilanz im Eimer, sondern die betriebswirtschaftliche noch dazu. Ein erster Arbeitstag wie aus dem Bilderbuch. Hätte ich das Zeichen erkannt, hätte ich mir sofort was Anständiges zum Erlernen gesucht, hab ich aber nicht.

Bergehalde Zeche Ewald

Bergehalde Zeche Ewald

Glück auf!

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